Witze über Behinderung

„Darüber lacht man nicht!“, mahnen Eltern, wenn deren Kinder auf Behinderung humorvoll reagieren. Das Behinderung seit dem Mittelalter beständig Anlass zur Heiterkeit bietet, ist eine neue Erkenntnis. Wem Behinderung beruflich begegnet erlebt oft, das man eben doch darüber lacht. Auch weil Lachen verbindet. Um das Tabu "Behindertenwitze" zu beleuchten sind Lachkunde, Geschichtskunde sowie die Meinungen von Menschen mit und ohne Behinderung hilfreich.

Frotzeln

Am weitesten verbreitet sind Witze, die die Gelotologie (Lachkunde) als Frotzeln bezeichnet. Gegenstand des Lachens ist hier etwas persönlich Heikles, das gute gegenseitige Beobachtung aufspürt. Ob es sich hierbei um die immer gleiche Bekleidung oder die adipöse Erscheinung eines Kollegen handelt ist für den Witz egal. Frotzeln ist alltäglich und ein guter Witz erfordert, dass keiner der Beteiligten sich beleidigt fühlt. Gelungenes Frotzeln verlangt also eine gute Kenntnis des Gemüts des Gefrotzelten. „Deshalb ist es wichtig, dass alle die witzige“ Absicht „erkennen, und auch das das Frotzeln gutwillig gemeint ist. Viele witzige “Absichten„ sind nicht gut gemeint. Bei Behindertenwitzen wird oft die Behinderung selbst herausgestellt. Das beleidigt schnell.“(1) Behindertenwitze in der Zeitgeschichte „Selbstverständlich ist das Lachen über Behinderung nicht neu. Behinderte Menschen waren in der gesamten Geschichte eine Quelle des Amüsements und des Lächerlichen für nicht behinderte Menschen“(2) Im Mittelalter kannte der Behindertenwitz noch kein Tabu. Im Gegenteil, der herrschende Adel hatte ihn aktiv gewollt. Kleinwüchsige waren Narren, Behinderte hatten Narrenfreiheit: „Sie wurden auch in der Rolle des Kritikers nicht ernst genommen: >> Behinderte Menschen genießen Narrenfreiheit, wenn sie sich nur an die Spielregeln des Narren halten. Mit Witz und Ironie kritisch ein wenig an der Oberfläche zu kratzen, ohne das Gefüge als Ganzes in Frage zu stellen (3).“ Behinderte dienten also zur Belustigung des Hofes, diese Haltung übertrug sich auf die Straße. Man fand Behinderte „allenfalls possierlich“ (4)

Das Tabu Behindertenwitz

„Das aggressive, mit Spott und Hohn, verbundene Lachen des Mittelalter“ verschwand mit dem adeligen Hofstaat. Die offiziellen Verspottungen verschwanden und wurden durch rassistische Schmähungen ersetzt. Der Humor traf jetzt Juden, Afrikaner, Muslime und andere Minderheiten. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erlebte der Behindertenwitz seine Renaissance und so blieb es bis in die 1980'er Jahre üblich Menschen mit speziellen Bedürfnissen – gerne in offener Ansprache zu demütigen, während Mütter ihre Kinder mit dem eingangs erwähnten „darüber lacht man nicht“ ins Tabu einschwören.

Behindertenbewegung mit Witz

Seit den 1970'ern mischen Menschen mit eigener Behinderung kräftig mit. Einer der Pioniere ist John Callahan, der 1989 sich und seinen Rollstuhl im Titel seiner Autobiografie „Keine Angst – Weglaufen geht nicht“ lustig thematisiert. (5 ) Mit starkem Bewusstsein machen wenige behinderte Menschen jetzt Witze: Tiefschwarzer Galgenhumor erschreckt vor allem Nicht-Behinderte. In den 1990'ern übernehmen Behinderte die Macht für ihren Witz. Sie legitimieren sich und fokussieren neue Themen: Wichtig wird jetzt wie und wo die Gesellschaft nicht behinderter Menschen Menschen mit speziellen Bedürfnissen behindert. Anders als im Mittelalter wird jetzt an bestehenden Verhältnissen gerüttelt. Laut, öffentlich, schrill und immer wieder jenseits des (nicht behinderten) Mainstream - Geschmacks zeigen sich Behinderte: Satirisch in der Para-Comedy, auf der Straße bei den Freak-Paraden in Ausstellungen und allen anderen denkbare medialen Geschehen. Es geht dabei nicht nur um die Treppen, die allerorten stören. Obwohl bis heute Spott über das Anders-Sein in vertrauter Runde Nicht-Behinderter Thema bleibt, werden herablassende Sprüche von Erwachsenen in der Öffentlichkeit seltener und als unerwünscht deklariert.

Meinungen über Behindertenwitze

„Auf die Einbeziehung behinderter Menschen bei Humor, Satire und Ironie zu verzichten, hieße den vielen Ausgrenzungen noch eine weitere hinzuzufügen.“ (6) Mit diesen Worten zollt Brückmann Hubbes Ausstellung Respekt.(7) Stimmen Nicht-Behinderter, besonders auffällig in sozialen Netzwerken schlagen sich gerne auf die Seite von Behinderten und finden es erwähnenswert, das Behinderte beleidigt sein können und lehnen deshalb das Lachen über Behindertenwitze ab. Solche gut gemeinten, meist von Nicht-Behinderten im Namen Behinderter, verkündeten Fürsprachen bevormunden und diskriminieren. Genau wie solche Stimmen, die der Brückmannschen ähneln, jedoch nur einen Zweck verfolgen: Die Erlaubnis zum Spott. Wichtig bei der Bewertung des Humors ist eben, das gilt übrigens jeder Bewertung von Ungleichbehandlung, das man selbst betroffen ist. Die Diskriminierung ist immer nur für den spürbar, der der ausgegrenzten Gruppe angehört, egal ob das Anders-Sein durch Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Nationalität oder eben Behinderung bestimmt ist.

Best Practice für Nichtbehinderte

„Entscheidend ist, dass behinderte Menschen selbst die Macht haben zu entscheiden, ob und wie gelacht werden darf oder eben nicht. Die Entscheidung des guten Verhaltens >>liegt heute nicht mehr bei der nicht behinderten Mehrheitsgesellschaft.<<“ „Insbesondere behinderte Menschen sind dazu legitimiert Witze zu machen“ (8) Das gemeinsame Lachen über Behinderung vertieft häufig den Kontakt zwischen Behinderten und den nicht behinderten Menschen, die sie umgeben. Das ist gerade für Nichtbehinderte eine Möglichkeit sich vom Lachen befreit auf ihr Gegenüber einzulassen, denn die Begegnung mit behinderten Menschen ist für Nichtbehinderte oft mit Ängsten verbunden. Zwei Ängste, die immer wieder genannt werden, sind die Angst davor „Selbst behindert zu sein“ und die Angst sich „Behinderten Menschen gegenüber falsch zu verhalten.“ Solche Ängste behindern das Miteinander zwischen Menschen mit und ohne Behinderung.

Nutzen und Schaden

Gerade – doch nicht nur - im Bereich Pflege und Assistenz „stellt das Lachen über Behinderung Normalität hier und wirkt integrierend.“ „Mittlerweile ist der positive Einfluss des Lachens erwiesen. Zum Beispiel für Schmerzpatienten, MS und Parkinson Erkrankte.“ Dieser Benefit ist jedoch nicht risikolos: Witze und Zwischentöne, die Betroffene als unwitzig empfinden - „man hat ein Sprachgefühl dafür, ob etwas so gemeint ist, dass das Opfer mitlachen kann“ (1) – verursachen großes Leid: Trauer, Hilflosigkeit, Wut, Verbitterung bis hin zur depressiven Verstimmung. Deshalb ist es wichtig genau zu wissen, ob man selbst befugt ist einen Witz über Behinderung zu machen. Der Zuhörer selbst erteilt einem die Erlaubnis dafür – oder eben nicht. Wer beruflich die positiven Aspekte des Lachens nutzen möchte ist oft besser beraten Witze aus anderen Bereichen zu erzählen, um das Verhältnis zum Klienten nicht zu beschädigen. jomt
Die Quellen folgen in Kürze

5.09.2018


                    

                    
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